4. Mai 2018

Direkt in die Kamera blickt der weißhaarige alte Herr mit Schnauzbart, Anzug und runder Hornbrille, der an dem großen Schreibtisch mit den zwei Besucherstühlen sitzt. Vor sich ein offenes Tintenfaß, die leicht erhobene Hand mag soeben nach einem Brief greifen. Vom Fenster rechts bescheint die Sonne einen Sommerblumenstrauß. In zweiter Reihe, vor der Durchreiche zum Nachbarzimmer, blickt eine ältere Dame auf, wohl die Sekretärin. Die Tür und ein Kleiderständer rechts, ein Fernsprecher links von ihr. Der Seniorchef des Hauses nur Monate vorm Lebensende in seinem Kontor. So sah es dort also aus.

"Als Ersatz hatte man im Frühjahr in Kreuzberg in der Neuenburger Straße 29 ein neues Grundstück erworben. Eine Baugenehmigung für die Umgestaltung zur betrieblichen Nutzung wurde schnell erteilt. Die Betriebsgenehmigung für die Gießerei war allerdings mit Auflagen verbunden." Weil ringsum auch gewohnt wurde? Nein, hier war das Amt einer ganz anderen Logik gefolgt. Denn vor den obigen drei Sätzen steht dieser: "Im Verlauf des Jahres 1934 war S. A. Loevy gezwungen, das Grundstück in der Gartenstraße 96 aufzugeben und an die Deutsche Reichsbahn zu verkaufen."

Besagte Auflagen zielten zeitgemäß auf Tod durch Ersticken: "So wurde die monatlich zu verarbeitende Metallmenge auf 2000 kg begrenzt und ein Lohnguß für Dritte untersagt. Diese Bedingungen schränkten den unternehmerischen Spielraum von S. A. Loevy erheblich ein. Die Metallbegrenzung erlaubte aber immerhin noch die monatliche Herstellung von etwa 2000 Beschlaggarnituren. Die Anzahl der Mitarbeiter mußte vermutlich dennoch reduziert werden."

Der Herr auf dem eingangs beschriebenen Foto war Siegfried Loevy, einer der zwei Söhne des Firmengründers Samuel Abraham Loevy. Aufgenommen 1935 in der Neuenburger Straße 29, zeigt es ihn gleichsam am Endpunkt einer 85jährigen Erfolgsgeschichte: Kein größeres öffentliches Gebäude in Berlin und auch im Reich, das die Firma nicht beliefert hätte, kein bekannter deutscher Architekt, der nicht zu ihren Auftraggebern bezw. auch Mitarbeitern zählte", resümiert der Einband der Monographie "Dem Deutschen Volke", erschienen in der Zeitzeugenreihe des Jüdischen Museums Berlin. Namen wie Ludwig Mies van der Rohe, Peter Behrens und Walter Gropius sind da nur die klangvollsten.

"Von 1855 bis zu ihrer 'Arisierung' 1939 stand die Bronzegießerei S. A. Loevy für höchste handwerkliche Ansprüche." Darum hatte S. A. Loevy 1902 die Tür- und Fensterbeschläge fürs neue Köpenicker Rathaus hergestellt. Darum 1913 für den Neubau der deutschen Botschaft in St. Petersburg alle Türen, Beschläge, Gitter und Geländer geliefert und für ihr Dach Eberhard Enckes sechs Meter hohe Roß- und Kriegerskulpturen in Kupfer getrieben. Darum hatte Gropius von 1922 bis 1933 exklusiv bei Loevy seine berühmten Türdrücker und Erich Mendelsohn 1929 das elegante Messing-Geländer der Wendeltreppe im Kreuzberger Metallarbeiterverbandshaus fertigen lassen. Vom Schloß in Posen über die Villa in Dahlem bis zum "Normendrücker" für zehntausende Wohnungstüren war Loevy die erste Wahl gewesen. Welche bittere Ironie: "Dem Deutschen Volke", das 1933 die Familie Loevy als "volksfremd" verdammen sollte, hatte die Firma 1916 just jene Zueignung in 60 Zentimeter hohen Bronzelettern übers Reichstagsportal gedübelt. Es kam noch böser: "Mitte der 30er Jahre muß es der Firma gelungen sein, für einige der nationalsozialistischen Regierungsbauten Aufträge zu erhalten" wohl auf Umwegen wurden "1935/36 eine größere Anzahl Beschläge für das Reichsluftfahrtministerium geliefert. Für den Bau der Neuen Reichskanzlei sollen ebenfalls verschiedene Bronzearbeiten der Firma über die Schlosserei August Löffler geliefert worden sein." Chuzpe half nichts. Ernst Loevy, seit dem Tod des Onkels am 20. Januar 1936 alleiniger Inhaber, schloß am 1. Juli 1939 den Betrieb, den sein Großvater am 2. April 1855 in der Großen Hamburger Straße 8 eröffnet und an die Spitze der Zunft geführt hatte.

Pläne zur Flucht in die Niederlande waren mit dem Kriegsbeginn nicht mehr zu realisieren. Statt dessen wurde der 40jährige Diplom-Ingenieur zur Zwangsarbeit als Hilfsschweißer in einer Abbruchfirma verpflichtet. Als er und seine Frau Ilse 1942 aufgefordert wurden, sich zum nächsten "Transport" einzufinden seine Mutter Franziska Loevy war am 5. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und am Jahresende für tot erklärt worden , tauchte das Paar unter. Am 3. September 1943 wurde Ernst Loevy von seinem früheren Portier und nunmehrigen SA-Mann auf der Straße erkannt und der Polizei übergeben. Wochenlang gefoltert, kam er ins Jüdische Krankenhaus und nach leidlicher Genesung am 22. Februar 1944 auf den 49. "Osttransport" nach Auschwitz. Dort schickte ihn die SS den Angaben seiner Witwe zufolge am 6. März gleich nach Ankunft ins Gas.