19. Oktober 2018

Ich bekam das Angebot, nach West-Berlin zu kommen und Songs auf Deutsch aufzunehmen. Dort traf ich dann den deutschen Produzenten Dieter Zimmermann. Wir schrieben Musik und Texte zusammen, später waren wir eine Zeitlang ein Paar." Worüber die Sopranistin 2013 mit einem Welt-Reporter plauderte, liegt 50 Jahre zurück; sie war 18 und ihr Verlobter 24. Dessen Hit-Versuche à la "Sonny Boy", "Robinson Crusoe", "Wie der nächste Autobus", "Wie der Wind", "Señor Gonzales" oder "Das Fest der Pompadour" endeten mit Platz 13 des Deutschen Schlagerwettbewerbs 1969. "Wer schreibt heut' noch Liebesbriefe" hieß die Single, und Single war im selben Jahr auch wieder Agneta Åse Fältskog, alsbald (und bald erneut, wie man hört) erstes A von ABBA: "Ich erinnere mich vor allem an die Aufnahmen im Hansa-Studio, das sehr nah an der Mauer lag." Aber im Mai 1968 als Sonopress-Tonstudio noch zu Ariola-Eurodisc gehörte. Erst ab 1976 ließen die Meisel-Musikverlage als neue Eigentümer dort die fünf Hansa-Studios einrichten.

Unter diesen ranken sich ums Studio 2 die meisten Episoden, auch die obige. Westberlins Presse hat sie wie die zugehörigen Künstler so oft in frontstädtischer Bedeutungssoße aufgewärmt, bis sie selbst glaubte, David Bowie, Depeche Mode, U2 & Co. hätten ihre Tonbänder nirgends auf der Welt so inspiriert vollsingen können wie in Bowies "big hall by the wall".

Gottchen, die Mauer. Die Berlin-Förderung erlaubte unschlagbar günstige Studiomieten, zumal fürs Studio 2. So hieß nun der im Zweiten Weltkrieg arg ramponierte, nach Zwischennutzungen als Kino, Theater, Restaurant, Ballhaus City, später Susi erst 1994 in die Ursprungsform zurückversetzte einstige Meistersaal.

"Diesen Namen führt ein neuer Saal an der Köthener Straße", berichtete vor 105 Jahren der Vorwärts vom Festakt am 18. Oktober 1913. "Der Saal, nicht eben groß, ist sehr stilvoll gehalten und macht einen traulichen Eindruck. Um seine Akustik zu erproben, wurde er mit einem Konzert eröffnet. Die Akustik des Saales ist ausgezeichnet zu nennen. Zur Veranstaltung von Kammerkonzerten eignet sich der warmtönig dekorierte Raum ausnehmend." Angetan war am 21. Oktober 1913 auch der Kritiker der Berliner Volkszeitung: "Eine geräumige Empfangshalle zu ebener Erde mündet in die zuggeschützte Garderobe, von wo wir zum Saal im ersten Stockwerk emporsteigen. Dieser ist in ruhigen Tönen gehalten. In das erdfarbene Braun der eichenen Wandverkleidung stimmt mit wohltuender Wärme das Kupferrot der Drapierungen. Wir sind bei unserm modernen, bald lapidaren, bald unruhigen Baustil an diese schlichte Vornehmheit nicht mehr gewöhnt; doch sie tut wohl."

Am 6. Oktober 1913 war das vor allem aus Mitgliedsspenden von bis zu 40000 Mark finanzierte Objekt dem Bauherrn übergeben worden, dessen Name den von sechs ionischen Säulen getragenen Fries zierte: "Verband der Baugeschäfte von Groß-Berlin e.V."; im Giebel stand das Richtfest-Jahr: "A. D. 1912". Das Architektenbüro Giesede & Menzle hatte hinter die neoklassizistische Fassade außer dem 267 Quadratmeter großen Meister- noch den kleineren Grünen Saal, Wandelhalle und Vestibül gesetzt. Die Büros bezogen Anwälte; auch die zur Vermarktung etablierte Meistersaal Betriebe GmbH hatte darin ihren Sitz. Der Verband selbst nutzte den Meistersaal für Tagungen und festliche Anlässe wie die Übergabe von Meisterbriefen. Prädestiniert war er zudem für intimere Künste: Liederabende, Vorträge und Lesungen. So gastierte hier am "27.Januar 1921, abends 8 Uhr Kurt Tucholsky" mit einer "Vorlesung aus den Schriften von Theobald Tiger/Peter Panter/Ignaz Wrobel/Kaspar Hauser", kurz: eigenen Werken.

Mit Bedacht am selben Datum ließ das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg 87 Jahre später neben dem Eingang eine Edelstahltafel anbringen:

"In diesem Haus befand sich von 1923 bis 1926 der Malik-Verlag. Im Erdgeschoß wurden die Malik Buchhandlung und die Galerie George Grosz eröffnet. Der Verleger und Autor Wieland Herzfelde (1896-1988), der sich stets gegen Krieg und Faschismus einsetzte, veröffentlichte in seinem Verlag politische Schriften, dadaistische Texte und Übersetzungen internationaler Belletristik mit künstlerisch gestalteten Bucheinbänden von John Heartfield (1891-1968) und George Grosz (1893-1959). Mit der Reihe 'Malik Bücherei', jedes Buch für 1 Mark, erreichte der Malik-Verlag die Verbreitung hochwertiger Literatur in allen Teilen der Bevölkerung. Wieland Herzfelde ist Ehrenbürger von Berlin."

Als Ort subversiver Akte ist der Meistersaal längst perdu. In Händen der Eventagentur BESL ist das Baudenkmal im kommerziellsten aller Sinne "Location". Ob der Pharmakonzern Roche die Digital Health Conference sponsert, Simon Rattle das Be Phil Orchestra dirigiert oder Sie selbst, falls Ihnen gar nichts peinlich ist, 13900 Euro für eine Hochzeit mit 100 Gästen versenken wollen: "The big hall by the wall" macht's möglich.