2. November 2018

Zuletzt stand der Bezirk im Fokus des Schinkel-Wettbewerbs, als dessen 1991er Leit-Thema "Eine Brücke Die Neugestaltung der Spreeufer von Friedrichshain und Kreuzberg" hieß. Da hielt es der 1824 durch junge "Bauconducteure" um Eduard Knoblauch etablierte, heute als die älteste deutsche Technikervereinigung geltende "Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin e.V." (AIV) wohl für nötig, Kreuzberg erneut seinem "Ideen- und Förderwettbewerb für junge Stadtplaner*innen, Landschaftsarchitekt*innen, Architekt*innen, Bauingenieur*innen, Verkehrsplaner*innen und Freie Künstler*innen" auszuliefern.

"Am 19. Juni 2018 hat der Senat von Berlin die Entscheidung getroffen, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) am Standort der Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz unter einem Dach zusammenzuführen", informiert die vom 17. September 2018 datierende Preisauslobung für 2019 die maximal 35jährigen -er*innen über die verfügbare Spielwiese. Der Neubaustandort sei "geprägt vom Landwehrkanal, wichtigen Verkehrsströmen in Ost-West-Richtung, der als Busbahnhof dienenden Hallesche-Tor-Brücke und undifferenzierten Grünräumen". Daß Zossener Straße und Mehringdamm als den "Kernbereich" in Nord-Süd-Richtung begrenzende Magistralen keine "wichtigen Verkehrsströme" bündeln, ist logisch. Auf den ständig verstopften faktischen Autobahnzubringern strömt einfach nichts.

Lesern mit Sinn für fein Geschwurbeltes bieten die 44 Seiten allerlei Heiteres, den hier Lebenden aber auch Ernstes: "Ziel des Wettbewerbs ist der Entwurf von zukunftsweisenden Beiträgen für die Entwicklung eines faszinierenden, dichten, urbanen Stadtquartiers aus historischem Erbe und neuen, heute bereits erkennbaren Anforderungen an die wachsende Stadt des 21. Jahrhunderts, das zukünftig maßgeblich durch die ZLB geprägt werden wird."

Maßgeblich, wie süß! Nicht die ZLB wird das Quartier prägen, sondern weiter das KFZ. Augenfälliges Ziel des Wettbewerbs sind Entwürfe, die die autogerechte Stadt nicht antasten. Die zukunftsweisende Einsicht, daß der private PKW an sich, egal wie angetrieben, jedwede "Entwicklung eines faszinierenden, dichten, urbanen Stadtquartiers" verhindert, muß den AIV irgendwie verfehlt haben. Das hilflose Ersuchen um Retuschen am krankmachenden Zustand ließe sich damit erklären aberwitzige Vorgaben schon weniger.

Der "Velo-Loop Zossener Brücke" zum Beispiel, dem die Talent-Show wohl das Motto "bridge2future" verdankt. "Der Vorschlag des Vereins paper planes e.V. für eine Radbahn unter dem Hochbahnviadukt wird im diesjährigen Schinkelwettbewerb aufgenommen", holpert's nicht nur sprachlich. Die soll das Planungsgebiet "in Ost-West- Richtung entlang der Hochbahn durchqueren". Radeln tut ja besonders gut, wenn oben U-Bahnen ohrenbetäubend rattern und links und rechts hundert Autos pro Minute die zentrale Ost-West-Verbindung der City entlangrasen. Abgase? Feinstaub? Lungenkrebs? Nun halten Sie mal die Luft an; es gilt immerhin, der "zu erwartenden Zunahme der Fahrradmobilität durch neue Verkehrskonzepte und -maßnahmen Rechnung zu tragen". Das heißt konkret, die radelnde Oma möge keinen Porsche rammen, wenn sie am Halleschen Tor rasant den Abzweig zum Urbanhafen nimmt.

Flott strampelt sie eine 150 Meter lange, an die Hochbahnpfeiler geschraubte, überm Kanal schwebende Rampe hinauf bis zum Gleisbett. Locker schafft sie die 3,3% Steigung, ist kaum steiler als den Tempelhofer Berg rauf, um 4,5 Meter unter sich die spektakuläre Aussicht auf die unfallträchtige Zossener Brücke zu genießen. Kurz tief durchatmen, und lustig am Südufer des Kanals hinabrollend erlegt sie mit Fortune noch ein entgegenkommendes Skater- oder Rollator-Geschwader. Die Sache mit dem schwer einsehbaren Gegen- und Flankenverkehr, wenn sie sich in Gegenrichtung in die Radbahn zurückfädelt, klärt im Erlebensfall die Allianz. Soweit die Sommervariante "der Aufgabenstellung für den konstruktiven Ingenieurbau".

Was aber, wenn die fahrradmobile Omi gar nicht auf die Liegewiese will, jedenfalls nicht die am Urbanhafen? Schließlich endet der "Kernbereich" des Schinkel-Wettbewerbs 2019 vor den ab 1735 angelegten Gottesäckern. "Ein im Nord-Osten gelegener Teil der Friedhofsanlage" wird laut Auslobung "aufgrund des Rückgangs der Bestattungen sowie kürzerer Ruhezeiten für eine Friedhofsnutzung nicht mehr benötigt. Es ist vorgesehen, diese Fläche als Baufläche für Wohnungsbauvorhaben oder Gemeinbedarfseinrichtungen zur Verfügung zu stellen."

Wenn die lustige Witwe das liest, dürfte ihr Schrittmacher schlappmachen: Ihr Lageplan des Friedhofs Jerusalems- und Neuen Kirche 1 verzeichnet 46 Ruhestätten bedeutender Persönlichkeiten, darunter das Ehrengrab des AIV-Mitglieds Hermann Blankenstein.

Möglicherweise lacht die Kreuzbergerin sich aber auch am Grab ihres Alten tot: Weil die noblen Schinkel-Preisausschreiber nicht mal wissen, wo Nord-Osten und Nord-Westen liegen.