11. Januar 2019

Lieber Oliver Mommsen! Dies ist eine Glückwunschkarte, denn am 19. Januar haben Sie Geburtstag. So wie ich! Doch weit mehr verbindet uns. Genauer: mich mit Ihnen. Sie kennen mich ja nicht.

Beide sind wir Wahl-Berliner, Sie seit 1990, ich seit 1983, und leben Sie mit Frau, Sohn und Tochter im Bergmann-Kiez. "In den letzten Jahren", erzählten Sie im Oktober 2017 in einem Kreuzberger Café der Neuen Osnabrücker Zeitung, "wurde zweimal bei uns eingebrochen". Bei uns nur im Keller, dafür dreimal! Daß Sie jenem Interview zufolge die Ehe für ein Auslaufmodell und sexuelle Freiheit darin für wichtig halten, eint uns sogar politisch.

Begegnet sind wir einander auch schon, korrekterweise: Sie mir. Auf der Bergmannstraße, Höhe Passionskirche. Beim Beinahe-Zusammenstoß kam Ihr Blick dem von Frau Mouskouri recht nahe, als ich ihr gleich zwei Exemplare ihrer Memoiren zum Signieren hinhielt. Hand aufs Herz, Herr Mommsen: Würden Sie, behängt mit dem Wocheneinkauf, zur Seite hüppen, wenn auf schmalem Trottoir zwei Jogger nebeneinander auf Sie zu rennen, die's auch gut hintereinander tun könnten? Da gibt's bei mir keinen Promi-Bonus.

Ihre Funktionskledage sah übrigens fesch aus, dito Ihr Mitläufer.

Fünfzig werden Sie nächste Woche, kaum zu glauben! Wie machen Sie das, wo sowas wie meine teure Anti-Mimik-Falten-Crème aus Paris für Schauspieler wohl ausfällt? Dazu noch so volles schwarzes Haar! Wobei … Grau ist aktuell selbst bei Jünglingen ziemlich angesagt, da könnten Sie in naturell glatt als George Clooney von Berlin SW 61 durchgehen. Was schon mondäner klänge als "der schönste Tatort-Kommissar".

Womit wir beim Kitt wären, durch den Sie seit 2001 an mir kleben. Indem Radio Bremen damals den 32jährigen "Stedefreund, Nils Stedefreund" zum "Tatort" sandte, verlängerte die Anstalt die Verballhornungsliste von "Stedefeldt, Eike Stedefeldt" dramatisch. Frauen, stets sind es Frauen: Freud hätte seine helle Freude an Ihrem kleinen "-freund". Unerfüllte Gelüste gerinnen in Ämtern, Presse- und Werbeabteilungen zu Anreden und Adressen, zu Homunkuli mit meinem schönen Vor- und Ihrem doofen Rollennamen, Herr Mommsen. Mit der Zeit habe ich mir abgewöhnt, Damen am Telefon zu korrigieren, die "Herr Stedefreund" säuseln, und gehe produktiv damit um. Meine Stimmlage zu senken vermag gelegentlich Verschlußsachen zu öffnen. Ein echter Trost darüber, daß den Anruferinnen dabei, sofern überhaupt, keinesfalls mein liebliches Antlitz vorschwebt, ist das leider nicht.

Haben Sie denn inzwischen das Œvre Ihres Ur-Urgroßvaters gelesen? An sich find' ich's ja toll, daß Blutes Stimme Sie mitnichten nötigt, sich lang mit einem Vorfahren aufzuhalten, bloß weil man ihm 1902 als "dem gegenwärtig größten lebenden Meister der historischen Darstellungskunst" den Nobelpreis für Literatur verlieh "mit besonderer Berücksichtigung seines monumentalen Werkes 'Römische Geschichte'". Eine Verlegenheit, in die mich der Historiker in meiner Ahnenreihe nie bringen wird: Hermann Bernhard Stedefeldt, Sohn eines Fleischers aus Langensalza, fiel am 16. August 1870, zwei Tage nach seinem 26. Geburtstag, im Gemetzel bei Vionville nahe Metz. Da blieb außer Briefen an seinen Schulfreund Friedrich Nietzsche nur eine Dissertation über Plutarch.

Pardon, ich schweife ab. Sie wissen, daß knapp hundert Meter südlich der Touristenmeile, durch die Sie gewöhnlich joggen, seit 1903 besagter Christian Matthias Theodor Mommsen ruht. Ahnten Sie aber, daß der 1817 im schleswigschen Garding geborene Pfarrersohn, der später Mitglied des Preußischen Landtags, dann des Reichstags war, der scharfe Gegner Bismarcks, der Proponent der Juden im Berliner Antisemitismusstreit und Rektor der Berliner Universität seine ersten anderthalb Berliner Dekaden auf Kreuzberger Terrain wohnte? Ende 1858 an die Preußische Akademie der Wissenschaften berufen, nahm er zunächst Logis in der Bernburger Straße 8. Seine ihm 1854 angetraute Frau Marie und er mehrten sich prächtig; zwölf von 16 Kindern wurden erwachsen. 1859 fand die Familie Quartier in der Neuenburger Straße 31, war 1863 in der Alten Jakobstraße 126 gemeldet und ab April 1866 für ein Jahrzehnt in der Schönebergerstraße 10 als Eigentümer des Hauses. Das war jetzt Stoff für Ihr Familienalbum.

Nur dies noch, Herr Mommsen: Sollten Sie betreffs Ihres Urahns mal wieder was lesen wie auf literaturkritik.de: "Sein Grab auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Kreuzberg wird seit 1952 als Ehrengrabstätte gepflegt", spurten Sie mal den Hügel rauf, bevor die Einfriedung umkippt.