Das Projekt "Kreuzberger Notizen"
 

... nahm seinen Anfang im Sommer 1998. Die damals noch in Hannover erscheinende Zweiwochenschrift Ossietzky, gegründet als Folgeblatt des 1993 unter dubiosen Umständen eingestellten Traditionstitels Die Weltbühne, war noch kein Jahr alt. Schon einige politische Berichte, Glossen und Kommentare hatte ich in den kleinen roten Heften unterbringen können; der Mitherausgeber und Redakteur Eckart Spoo schien zufrieden und bat um weitere. Nur fehlte mir dazu momentan die Andacht, denn in dieselbe Zeit fiel ein Umzug – nach Westberlin, nach Kreuzberg!

In Ossietzky waren Auslandsartikel des öfteren in Briefform erschienen. Mal sandte Katja Leyrer einen "Brief aus Luena" in Angola, mal Heinz Moll einen "Brief aus Prag", dann wieder Karol Mania einen "Brief aus Krakau". Kühn bot ich an, "eine kleine Serie von 'Briefen aus Kreuzberg' zu schreiben. Es sind ja doch einige neue Eindrücke, die ich als Ossi im Westen bekomme; es ist ein kleines Abenteuer – irgendwie befinde ich mich im Inland, aber doch auch im Ausland. Nur weiß ich nicht, wie so etwas beim Publikum ankommen würde."

Die als "Kreuzberger Notizen" betitelten Briefe kamen beim Publikum an – und die "kleine Serie" wuchs sich zu einer längerfristigen Angelegenheit aus. Manchmal haßte ich diese "skurrile Idee" von Herzen; alle 14 Tage ein Thema finden und unterhaltsam verpacken und um die viertausend Anschläge abliefern zu müssen, hat gelegentlich etwas von Zwang. Doch stets überwog letztlich der Reiz, dessen wichtigster lautet: Das ist deine ganz persönliche Spielwiese, mach was draus!

In meinen Beruf war ich als Lokalreporter eingestiegen, was meinem Ehrgeiz als ein wenig "popelig" vorgekommen war. Also hatte ich mich in den Folgejahren den "wichtigen" Themen und überregionalen Tageszeitungen zugewandt. Mit den "Kreuzberger Notizen" landete ich unvermittelt wieder beim Lokaljournalismus – und dem Problem, ihn für Leser außerhalb der Stadt, ja sogar außerhalb des Landes interessant zu machen. Ich entschied mich für die persönliche Ansprache des Publikums, was zugleich bedeutete, mich selbst und mein tägliches Dasein mal mehr, mal weniger zum Gegenstand zu machen. – Eine Gratwanderung zwischen Eitelkeit und Arroganz (ohne die kein Journalist auskommt) und dem Bedürfnis nach Privatheit.

Die ersten drei Jahrgänge meiner literarisch-journalistischen Kolumne kamen Ende 2003 als "Kreuzberger Notizbuch" in die Läden, und bis Januar 2008 erschienen insgesamt 230 davon in Ossietzky – wo sie einen treuen Leserkreis fanden. Bis zum 4. Februar 2008, an dem das in Deutschland einzigartige Langzeitprojekt – Lokaljournalismus zum überregionalen Gebrauch – abrupt endete. Den Druck der 231. "Kreuzberger Notiz" lehnte Redakteur Eckart Spoo ab; sie sei "schwer verständlich", "uninteressant" und "nicht wichtig".

Hatte ich also nach zwanzig Jahren von einem Tag auf den anderen meinen Beruf, das Schreiben verlernt? Natürlich nicht. Konnte der Redakteur ebenso plötzlich nach viereinhalb Berufsjahrzehnten keinen Text mehr bewerten? Wohl kaum. Also muß ein anderer Grund dahinterstecken, über den ich allenfalls mutmaßen kann. Spoo hin, Kafka her: Fakt ist der Rauswurf durch die Hintertür. Wo die Überlassung einer persönlichen Kolumne im zehnten Jahrgang ihres Erscheinens zur Gnade auf Widerruf deklariert wird, will und kann ich nicht mehr schreiben.

So traurig all dies ist: Die "Kreuzberger Notizen" sollen daran nicht zugrunde gehen. Alle 14 Tage neu werde ich sie zum gewohnten Erscheinungstag auf dieser Website veröffentlichen. Meine Hoffnung ist, daß ein Teil meiner langjährigen Ossietzky-Leser hierher findet und weitersagt, wo die "Kreuzberger Notizen" nunmehr zu lesen sind es würde mich sehr freuen.

Eike Stedefeldt, Berlin, 9. Februar 2008

Nachtrag

Die "Kreuzberger Notizen" haben ein Asyl gefunden: Die Tageszeitung Junge Welt holte heute zunächst die ausgefallenen Notizen vom Februar nach. Ab 14. März erscheinen sie dort nun jeden zweiten Freitag – parallel zur Veröffentlichung auf dieser Website.

7. März 2008