26. Mai 2017

Oft, wenn ich lange vorm Morgengrauen nicht in den Schlaf zurückfinde, schalte ich das Radio an. Leider wärmt mein 97,7 MHz-Standardsender im Dunkeln Beiträge auf, die doppelt dumm durch Christenbrummbrumm schon bei Tage das öffentlich-rechtliche Licht besser gescheut hätten. Oder die Anstalt läßt das "Kalenderblatt" von Nachwuchs-Deutschfunkern ansagen, die mich brutal mit historischen Fehlleistungen wachrütteln wie "Heute vor 75 Jahren griffen japanische Jets Pearl Harbour an" und ansonsten Genus, Kasus und Syntax, wenn nicht im Waschpulverregal, so doch vermutlich in gallischen Comics suchen würden.

Vor derlei Unbill rettet mich stets das Nachtasyl auf 104,1 MHz: NPR, ein in Washington und im kalifornischen Culver City ansässiges, auf Spenden und Sponsoring basierendes Senderkombinat. Versinken News, Features oder Interviews schließlich in leiser werdendem Hintergrundrauschen, schlummre ich in der Regel sanft davon. Zumal mich mein dürftiges Englisch davor schützt, mich auch auf diesem Kanal über Sprachlumperei aufzuregen.

Apropos Kanal: Das 1971 als "National Public Radio" gestartete Netzwerk von 800 freien US-Radios und etlichen Auslandssendern hat einen Ableger am Kreuzberger Landwehrkanal. Gesponsert von T-Systems, versetzt NPR Berlin seit April 2006 vom Postbank-Hochhaus am Halleschen Ufer aus die Dauerbrenner "All Things Considered" und "Weekend Edition" zum Beispiel mit dem "Berlin Journal".

Am 24. April gerate ich nachts in eine Ausgabe der "Music Interviews". Nun schalten Sie mal bei dem Timbre des NPR-Journalisten und Sängers Ari Shapiro gepflegt ab! Immerhin listet ihn das Magazin "Paper" unter "Beautiful People"; zu doof, daß er schon einen Ehegatten hat. "Hana Elion und JJ Mitchell lernten sich auf dem College kennen, ihre Freundschaft wuchs zu einer Schwesternschaft", erzählt er mir also über mir unbekannte New York City Girls, die "tight harmonies" mit "kaum unterscheidbaren Stimmen" singen und das Duo "Overcoats" bilden, dessen Debutalbum "Young" soeben erschienen ist.

"Unsere Musik wurde mal so beschrieben", sagt Hana, "daß sie klinge wie ein Tagebucheintrag, den eigentlich keiner lesen sollte." Dinge besängen sie, von denen Leute nicht redeten, weil es ihnen Unbehagen bereite, derer sie sich schämten oder die sie deprimierten wie etwa das Eingeständnis, jemanden mehr zu vermissen, als man sollte. Doch ihre Aufgabe sei nicht, depressive Songs zu schreiben, sondern aus solchen Gefühlen Kraft zu schöpfen, indem man sie akzeptiert. "Ja, wir tanzen dazu auf der Bühne." Shapiro entlockt den Mädchen noch, ihre Seelenverwandtschaft habe sich beim Kennenlernen 2011 auch im selben Lieblingssong bewiesen: Amy Winehouse's "You Know I'm No Good" - den sie prompt a cappella und in "tight harmony" ansingen.

Exakt vier Wochen später klopfe ich am Mehringdamm 61 an eine vor alten Aufklebern strotzende Stahltür. "Vor acht fangen die garantiert nicht an", sagt der überraschte Türsteher. "Die haben keinen Support, das wird eher halb neun." Gerade halb sieben, ich hatte eine Schlange am Einlaß erwartet. Wenn 19 Uhr auf der Karte steht, gehe ich immer noch davon aus, daß punkt 19 Uhr der Dirigent den Taktstock hebt. Nicht so im "Maze". "Ist warm draußen, die Ersten kommen in einer Stunde. Geh doch noch irgendwo ein Eis essen."

"Dreieinhalb sind schon da", grinst der Mann, als ich um acht zurück bin. Mein geliebtes altes SchwuZ, Tanzpalast wilder Jahre, Hort des flitternden Café Transler, Resterampe akuter schwuler Gelüste, hat sich kaum verändert. Sogar einiges an Mobiliar meine ich zu kennen. Möge der "Maze"-Inhaber nie erfahren, welche Höhepunkte sich auf dieser braunen Kunstledergarnitur ereignet haben.

Letztlich warten doch rund 60 Frauen und zehn Männer vorm Podest mit Barhocker, zwei Mikrofonständern, Hanas Akustik-Gitarre sowie dem Tisch mit JJs Rhythmus-Laptop, um zu hören, was der Pressetext "minimalistischen Elektro-Folk" nennt und Musik "von natürlicher Klarheit, die genauso synthetisch wie organisch, wehmütig wie erhebend, zurückhaltend wie triumphal ist". Über die natürliche Klarheit der weißgewandeten Sängerinnen triumphiert zunächst die böse übersteuerte Soundanlage. Als keine Bässe mehr Club und Trommelfelle durchschütteln, wird endlich ihre gesangliche Qualität vernehmbar.

So gerne junge Mädchen ausgelassen tanzen: Das Metier zweier "Stimmen, die sich aneinanderschmiegen", wie JJ es gegenüber Ari Shapiro formulierte, sind intimere Stücke wie "Hold Me Close", "Walk on", ihre erste gemeinsame Komposition "Little Memory" und das gänsehautträchtige, vom irischen Sänger Hozier stammende "Cherry Wine". Das mögen die fröhlichen Overcoats nicht glauben, halbe Kinder, die sie noch sind, aber der Applaus wird es sie lehren. Und ihren Weg finden lassen.

28. April 2017

Abstraktionsvermögen wäre eine tolle Sache, behinderten jenes Vermögen nicht gelegentliche Befindlichkeiten. Haust etwa auf vier Ebenen eines Stahlskelettbaus das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in Ihrem an Marx geschulten Hirn aber die begründete Annahme, "Entwicklungshilfe" bringe nur einem Profit, nämlich dem edlen Helfer, so verknüpft Ihr Unterbewußtsein die Aversion gegen jedes Kolonialunwesen fest mit dem Bauwerk selbst. Sie mögen es einfach nicht um so mehr, als Sie wissen, daß 1939 auch das Reichsarbeitsministerium dort einzog und 1941 Befehl erging, seine Eignung "für Zwecke eines zentralen Dienstgebäudes des persönlichen Stabes" zu prüfen. Gezeichnet: "Himmler".

Das Europahaus am Askanischen Platz also, dessen Grundsanierung 2018 enden soll, fand hier auch darum 19 Jahre lang nur am Rande Erwähnung, weil Adenauer den Südostflügel der exterritorialen Bundesimmobile dem postnazistischen Bund der Vertriebenen (BdV) überließ. Das "Haus der Ostdeutschen Heimat" in der "Frontstadt" tarnte grenzenlose Gebietsansprüche als "nationale Pflege der ostdeutschen Kultur". Als Warnung an die zivilisierte Welt stand seit 1974 "Deutschlandhaus" über dem Eingang. Das "denkmalgeschützte Deutschlandhaus war von 1961-2010 Sitz des Berliner Landesverbandes des BdV und der Landsmannschaften", tut aktuell deren Heimatseite die Erwartung kund, daß es darin bald wieder blut- und bodenspukt: "Es wird in den kommenden Jahren nach vollständiger Renovierung des Hauses die bundeseigene Stiftung 'Flucht, Vertreibung, Versöhnung' aufnehmen. Unser Wunsch ist die Rückkehr nach Wiederherstellung des Hauses."

Es war dieser verhalten-expressionistische, 1935 um eine auf fünf Etagen aufgestockte Teil des dreigliedrigen "Europahauses", der im April 1927 zuerst fertig wurde. Am zentralen Baukörper hingegen, als Hotel entworfen und letztlich nur als Büro- und Geschäftshaus mit 35000 Quadratmetern Nutzfläche genehmigt, hatte im Konflikt mit einigen der 53 beteiligten Ämter die 1926 begonnene Arbeit drei Jahre geruht. Derweil hatten Albert Heilmann und Heinrich Mendelssohn, Aufsichtsräte der Großbauten-A.G., am Rohbau potentielle Mieter umworben: "Berlin entwickelt sich von der Großstadt zur Weltstadt, Berlin tritt ebenbürtig an die Seite der Weltstädte Paris, London, New York. Wir bauen deshalb voller Optimismus das Europa-Hochhaus, jedes Stockwerk 1700 qm Nutzfläche, ein Karré mit 200 m Front."

New York! Wer, jenes riesige Plakat noch vor Augen, am 31. Oktober 1931 den Artikel "Die Hochhäuser Berlins" in der Vossischen Zeitung las, durfte grinsen: "Das höchste Berliner Hochhaus und der Baugeschichte nach das älteste ist das Europa-Haus mit 50 Meter Höhe." In Manhattan stand seit dem 1. Mai 1931 das Empire State Building.

Fernab jener 381 Meter bei 102 Stockwerken sah der anonyme Schreiber den Kreuzberger Elfgeschosser aber recht klar. Aus phantastischen Wettbewerbsentwürfen sei "wie so oft in Berlin nach dem harten Gesetz des Tages das Nüchternste entstanden: ein gewaltiger Kubus, der aber trotzdem, da er an günstiger Stelle steht, das Stadtbild Berlins bereichert" bei Nacht zumal durch den auf 60 Meter ragenden charismatisch-blauen Odol-Lichtaufsatz mit tausend Neonröhren und der lotrechten Allianz-Reklame überm Trottoir. "Die Architekten Otto Firle, B.D.A., und Bielenberg u. Moser haben es verstanden, sowohl im Aeußern wie Innern das Europa-Haus zu einer Sehenswürdigkeit zu gestalten." Bielenberg war 1929 gestorben und sein Nachfolger Firle zur Neuen Sachlichkeit umgeschwenkt. Dank Weißputzfassade, Absetzungen aus rotem Porphyr und dunkelroten Fensterbändern blieb das damals auch gebäudetechnisch den State oft the Art verkörpernde Europahaus 86 Jahre lang modern. Firles zuletzt vollendeter dritter Abschnitt wurde nach 1945 allerdings nicht wieder aufgebaut.

Erster Hauptnutzer war das Stickstoff-Syndikat. 1919 gebildet, ab 1925 ein Verkaufskartell der I.G. Farben, mietete die Firma die sieben oberen Büroetagen mit 450 Räumen für ihre 800 Angestellten. Die restlichen 4,5 Millionen Berliner fanden im Primus ihrer neun Hochhäuser (als Vize stand "Karstadt" mit 56 Metern seit 1929 ebenfalls in Kreuzberg) vor allem leichtes Amüsement: Läden, Kinos für bis zu 2000 Besucher, den "Europa-Tanz-Pavillon", das "Café Europa", Bierlokale ganz unten und ganz oben unter Glas das Restaurant "Palmengarten". Und Auswärtige lasen auf den Etiketten tausender Schallplatten die Zeile "Aufgenommen im Konzertsaal des Europahauses, Berlin".

Es war also nicht alles schlecht, zuallerletzt die Architektur. Ob mir aber zum drastisch umgemodelten Europahaus 2018 noch was einfällt, erfahren Sie, wenn es soweit ist. So die Lust mich plagt und das Unterbewußtsein die Klappe hält.