15. Juni 2018

Wo treffen wir uns am Donnerstag?", fragte eine Anzeige im Blatt Die Freundschaft, Heft 3/1920. "Zum Benefiz-Abend von Mieke im ‚Weißen Röß'l', Berlin SW., Neuenburger Strasse 19", so die Antwort. Die Freundschaft wandte sich ebenso an homophile Herren wie das Lokal, in dem es "Mittwochs und Donnerstags: Elitetage" und "Sonntags von 5 Uhr an: Kaffeekränzchen" gab sowie "Täglich Vorträge und Tanz. Es ladet freundl. ein: Paul Gürtler." Laut Freundschaft war es im Oktober 1919 als "Zum fidelen Schorschl" eröffnet und der Ball zur Einweihung auf die beiden Weihnachtstage gelegt worden. Sang- und klanglos schloß das Etablissement jedoch bald wieder, trotz seiner buchstäblich kräftigen Zugnummer: Mieke.

Bevor wir auf jenes Schlachtrössl der Heiteren Muse zu sprechen kommen, das uns erneut in die Neuenburger trug: Die Straße war mal ein veritabler Kultur- und Medienstandort. Daß Bühnenkünstler in ihr wohnten, auch der Literat Wilhelm Liebknecht, der Stadtarchivar Ernst Fidicin und der Literatur-Nobelpreisträger Theodor Mommsen, fand bereits Erwähnung. Als aber 1895 die Telegrafenbauanstalt Mix & Genest Kreuzberg verließ, kaufte der Verleger und Druckereibesitzer Friedrich Schirmer aus Groß Lichterfelde das Haus. Damit kam in Nr. 14a auch der Deutsche Autoren-Verlag unter, den manche Quellen der Deutschen Schriftsteller-Genossenschaft zuordnen; 1896 edierte man dort etwa im Erstdruck "Allerlei Geschichten für kleine Leser" von Felix von Stenglin. Schirmer selbst hatte am 3. Juli 1886 die Nullnummer von Dies Blatt gehört der Hausfrau herausgebracht, dessen Redaktion im Berliner Westen vagabundierte, bis 1899 auch sie in die Neuenburger zog. Da blieb sie bis zur Übernahme durch den Ullstein-Verlag 1905.

Ullsteins Blatt der Hausfrau lagen begehrte Schnittmuster bei. Der Magdeburger Kabarettist (und gelernte Schneider!) Willy Rosen besang sie 1927 im Studio von Carl Lindströms Plattenimperium an der Schlesischen Straße 26-27 für das Label Odeon: "Sei sparsam, Brigitte, nimm lieber Ullstein-Schnitte und näh' dir selbst dein Kleid!" Rosen wurde 1944 in Auschwitz ermordet, das Magazin hat bis heute überlebt als Brigitte.

Die Neuenburger Straße 8, wo sich der Zeitungsverlag von Dr. Hirschberg befand, gehörte 1916 der 1892 etablierten Buchdruckerei Strauß AG. Die Adresse war Ursprung zahlreicher Branchenperiodika wie Wochenschrift für Papier, Schiffbau-Zeitschrift, Deutsche Optiker-Zeitung oder Deutsche Uhrmacher-Zeitung der Deutsche Uhrmacherbund saß mit im Haus. Man redigierte hier Motor-Welt, Automobilwelt-Flugwelt, Sport-Welt und Rad-Welt, verlegte das "Handbuch des Reichsverbandes der Automobilindustrie", Fachblätter zu Flugzeugbau, Turbinentechnik und Strömungslehre, Lehrbücher wie "Grundbegriffe der Elektrotechnik", "Praktische Elektrotechnik" und "Der Optikermeister". Beim Einzug der Geschäftsstelle des "Fachverbands Schiffahrtstechnik des NS-Bundes Deutscher Technik" firmierte dessen Körperschaftliches Mitglied Nr. 30 längst als Deutsche Verlagswerke Strauß, Vetter & Co.

"Herzberg, Max, Kunstverlag, Berlin SW. 68, Neuenburgerstr. 37." Wie nüchtern ist die Zeile im Adreßbuch des Deutschen Buchhandels 1914 gegen das Wort "Ziegenbockkarten". Selbige bildeten damals "ein eigenes Genre meist deftiger Erotik", so Jutta Assel und Georg Jäger, die in "Vorstudien und Dokumenten zu einer Geschichte der Bildpostkarte bis 1933" just diesen als "Beispiel eines führenden, einschlägig tätigen Verlages" herausgriffen. Als "sensationelle Schlager-Neuheiten" habe er zur Leipziger Messe 1920 Vierfarb-Kartenserien mit schwülstigen Titeln wie "Heißes Blut", "Strandnixen", "Venus im Pelz", "Liebesorakel", "Der süße Backfisch", "Ein strammes Mädel" oder "Hexchen im Familienbad" angepriesen. Die Neuenburger, ein Sündenpfuhl!

Apropos: Mit seinen stark behaarten Unterarmen wäre der wuchtige Damendarsteller Mieke wohl eher als "Strammes Mädel" denn "süßer Backfisch" beim Publikum durchgegangen. "Viele 'ihrer' Vorführungen bieten dem Auge gewiß keinen ästhetischen Anblick und manche 'ihrer' Witze würden besser für einen Bouillon-Keller des Berliner Nordens, als in ein vornehmes Café des Westens passen", urteilte die Rubrik "Dielenbummel" des Blattes Freundschaft und Freiheit über die beliebte Figur. "Neulich sah ich 'sie' wieder", so der Anonymus Luginsland. "Kostümiert als ägyptische Tänzerin sah sie jedoch mehr aus wie eine der fetten Kühe des Pharaos. Ein Schönheitstanz nach Olga Desmond! Mieke in einem weißen Tüllkleidchen mit entblößten Schultern und barfuß. Einen Blumenkranz im Haar. Man wußte tatsächlich nicht, ob man lachen oder weinen soll."

Wenn die im Neuenburger-Kiez aufgewachsene, von London bis St. Petersburg als "Preußische Venus" umjubelte Nackttänzerin Desmond die Pharaonenkuh je tanzen sah, dann hat sie bestimmt nicht geweint.

1. Juni 2018

Der Admiral Friedrich v. Hollmann ist", so die Berliner Volks-Zeitung am 23. Januar 1913 auf der Titelseite, "am Dienstag morgen gestorben. Hollmann war geborener Berliner, und der Gedanke läge nahe, nach ihm eine Straße in Berlin zu benennen." Doch es gab bereits eine Hollmannstraße: "Sie ist erst im Jahre 1789 angelegt worden. Erst 68 Jahre später, im Jahre 1857, wurde die Husarenstraße in Hollmannstraße umbenannt, und zwar, um den durch seine wohltätigen Stiftungen verdienten Stadtältesten August Wilhelm Hollmann zu ehren, der am 27. Mai 1858 gestorben ist."

Der auf dem Friedhof III der Jerusalems- und Neuen Kirche zur Seite seiner Frau ruhende, ehrenhalber zum "Stadtältesten" Ernannte hieß allerdings August Carl Friedrich Hollmann. Aber wie soll man sich anläßlich seines 160. Todestags ein Bild von ihm machen? Weder die Allgemeine noch die Neue Deutsche Biographie erwähnen ihn noch das Bezirks- oder das Berliner Biographische Lexikon. Vage sind vor allem Angaben zum familiären Hintergrund.

Sicher ist, daß er Silvester 1776 im Dorf Uetz zur Welt kam bei Potsdam und nicht, wie manche Quelle behauptet, in der Altmark. Der Name seiner Mutter liegt ganz, der des Vaters halb im Dunkeln. Letzterer inserierte sogar den Tod seiner Tochter Charlotte in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen vom 20. November 1813 ohne Vornamen als "Prediger Hollmann aus Uetz". Immerhin läßt die Anzeige darauf schließen, daß August Hollmann zwei Schwestern, Friederike und Charlotte, sowie einen älteren Bruder hatte, den Buchhalter Ernst Christoph Samuel Hollmann, und sein Oheim väterlicherseits der "Kaufmann Christ. Andr. Hollmann" war. Und überdies, daß er mit 37 Jahren noch ledig war und das Frl. Wilhelmine Amalie Zander folglich erst nach 1813 ehelichte.

Jene am 21. Mai 1787 geborene Minna inspirierte August Hollmanns Wohltätigkeit, deren materielle Basis kaufmännischem Erfolg entsprang. Bereits 1801 führte er in der Contrescarpe 8 (heute die Münzstraße in Berlin-Mitte) eine Tuch- und Seidenhandlung, die ihm ein Vermögen an Geld und Grund eintrug auch vorm Halleschen Tor. "Hollmann besaß in der dortigen Gegend ausgedehnte Baugründe", so 1913 die Berliner Volks-Zeitung. "Das neue Patentamt zum Beispiel steht auf einem Gelände, das früher im Besitz der Familie Hollmann war." Am 6. Januar 1820 zum Stadtrath gewählt, bekleidete er dieses einflußreiche Amt bis zum Eintritt in den Ruhestand 1848.

"Die Hollmannsche Wilhelminen-Amalien-Stiftung ist bestimmt, Wittwen und Töchtern von verstorbenen Königlichen und Städtischen Beamten, wie auch Wittwen und vaterlosen Töchtern aus dem höhern und mittlern Bürgerstande wohin Kaufleute, Fabrikanten, Künstler und ihnen gleich stehende Gewerbetreibend anderer Art zu rechnen sind für den Abend ihres Lebens einen ruhigen und heitern Aufenthalt zu gewähren." So besagt es §1 deren Statuts: "Zweck der Stiftung". Ihren Ursprung markiert der 26. November 1829, an welchem Hollmann dem Magistrat eine Zuwendung von 6000 Thalern zum Ausbau des Hospitals St. Georg anbot, die jener als Patron der Anstalt gern annahm.

Uneigennützig war das nicht. Erst, erklärt 1843 die Präambel des Statuts, "nach dem am 9ten März 1834 erfolgten Ableben der Frau Stadträthin Hollmann verzichtete der edle Stifter, zu Gunsten jener Stiftung, auf die vorbedungenen lebenslänglichen Zinsen von dem geschenkten Kapitale" in Höhe von "4 pro Cent". Zudem mußten die Damen im Glauben fest, im Ruf unbefleckt und im Bekenntnis evangelisch sein und ihr Erbe der Stiftung versprechen. Ihr an der Linienstraße erbautes Altersheim durften sie "gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes von 300 Rthlrn" beziehen.

Früh verwitwet und wohl kinderlos, reduzierte Hollmann sein Privatleben aufs Nötigste. Nun floß sein Geld auch den Ärmsten zu, wenngleich stets im Sinne der Inneren Mission. Dem von ihm mitgegründeten Verein zur Fürsorge für erwachsene Blinde Ziel war vor allem eine Berufsausbildung ermöglichten 7000 Hollmannsche Thaler den Erwerb des Grundstücks Wilhelm-Straße 4 im heutigen Kreuzberg. Das Haus Husarenstraße 15 hatte er schon 1838 gekauft, als Heim für 60 Jungen eingerichtet und mit Klassenzimmern versehen und es dann dem 1807 gegründeten Luisenstift geschenkt. Zur Beschulung und sittlichen Erziehung armer Kinder flossen jährlich 45 Prozent der Zinsen aus dem Legat seiner Frau von 3000 RM an diese älteste Jugendhilfeeinrichtung Berlins, welche 1907 nach Groß-Lichterfelde umzog.

Kein Orden, kein Titel dürfte August Hollmann so gerührt haben wie ein Jahr vor seinem Tod, am 16. Mai 1857, die Umbenennung der Husarenstraße, wo er seit 1848 wohnte. Sie wurde im Zuge der Errichtung des Jüdischen Museums am 15. September 1993 eingezogen.

Zuletzt stürzte am 5. Oktober 2017 beim Sturm "Xavier" ein Kastanienbaum auf Hollmanns würdiges, gußeisern eingefaßtes Ehrengrab. Die Entehrung der Reste durch das Land Berlin ist leider zu befürchten.