17. Februar 2012 (Nr. 334)

Es ist Ihre freie Entscheidung!" Das "Ihre" horizontal und vertikal betonend, ist der Satz seit drei Jahren ein Running Gag, den Freund Gerald und ich einer Frau … sagen wir: Erlenkrug verdanken, in der Charlottenstraße 90-94 zuständig für die "Vermittlung und Beratung für Rehabilitanden und schwerbehinderte Menschen".

Nie und nimmer, hatte Gerald geschworen, werde er diese Festung ohne Zeugen betreten. So sah ich uns eines Montagmorgens jener Arbeitsagentin gegenüber, deren hastig nachtoupiertes Haar, Abendmakeup, Tüllponcho, Leggings und Glitzerstiefeletten den Verdacht nährten, eine in die Jahre gekommene Dancing Queen sei geradewegs aus der Disco ins Büro geeilt. Nicht, daß sie nun eine sachdienliche Conclusio wie "Kunde darf am Tag höchstens 24 Stunden stehen" aus Geralds Akte zitierte. Weit gefehlt! Der hauseigene Ärztliche Dienst hatte seine ganze Diagnose im System abgelegt, zugänglich für wer weiß, wen. Den Rest erspare ich Ihnen; zum Umgang der Agentur mit vertraulichen Daten und ärztlicher Schweigepflicht sowie Frau Erlenkrugs Zustand an jenem Morgen bloß so viel: "Wenn Sie nicht wollen, daß Befunde weitergereicht werden, hätten Sie das sagen müssen. Es ist Ihre …" Und die hat Tradition an dieser Adresse.

"Zwischen der Friedrich- und der Charlottenstraße, nahe der Kochstraße, ist dieser gewaltige Bau im Entstehen, der 1000 neuzeitliche Büroräume, zahlreiche Läden, Gaststätten und Garagen enthalten wird", zeigte die Morgen-Ausgabe der Berliner Volks-Zeitung (BVZ) am 10. Februar 1939 auf Seite 1 ein zweispaltiges Modellfoto. Die einstmals liberale BVZ kam noch aus der Kochstraße 22-26, jedoch seit der "Arisierung" des Ullstein-Verlags zum "Deutschen Verlag" 1934 als tumbes Nazi-Hetzblatt, worin man weiter las: "Der Haupteingang in der Friedrichstraße wird durch einen turmartigen Aufbau eine besondere Note erhalten."

Laut Landesdenkmalliste entstand der Komplex 1938 bis 1942 in zwei Abschnitten; der zur Charlottenstraße weisende Teil wurde 1940 übergeben. Der Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin gab 1966 die Frontlängen zur Friedrich- mit 78 und zur Charlottenstraße 75 Meter, die überbaute Gesamtfläche mit 5465 Quadratmeter und die Baukosten mit 8,9 Millionen Reichsmark an. Das "Handbuch der deutschen Kunstdenkmale" beschreibt nüchtern: "Elfgeschossiger, travertinverkleideter Hochhausturm in Stahlskelettbauweise, von Adler bekrönt. Seitlich sechsgeschossige Flügel mit zwei Innenhöfen. Wiederaufnahme von Turmhausideen der 20er Jahre an der Friedrichstraße. Im Duktus neoklassizistisch, sich auf die Bauten von Emil Fahrenkamp und Albert Speer beziehend."

Warum der als Werbefläche gedachte "turmartige Aufbau" und die von der BVZ versprochenen Läden nie verwirklicht wurden, erklärt Wolfgang Schäche in seinem Standardwerk "Architektur und Städtebau in Berlin zwischen 1933 und 1945": "Nach dem Aufgeben der ursprünglichen Absicht, ein Büro- und Geschäftshaus für die 'A. Heilmannsche Grundstücksgesellschaft' zu errichten, erging 1938 der Auftrag an den Architekten Hans Fritzsche, den Gebäudekomplex als Gauarbeitsamt zu planen." Die Rolle des Bauherrn (aber nicht die lukrative Bauausführung) ging somit von einem führenden deutschen Bau- und Immobilien-Konzern aufs Deutsche Reich über, "vertreten durch das Reichsarbeitsministerium" unter Franz Seldte. "Bedingt durch die Kriegsereignisse und die damit verbundene Ernennung des 'Generalinspektors für das deutsche Straßenwesen' Fritz Todt zum Minister für Bewaffnung und Munition (1940), wurde das als Gauarbeitsamt vorgesehene Verwaltungsgebäude kurzfristig für die neue Dienststelle Todts zur Verfügung gestellt." Dessen RMfBM hatte bloß 500 Stellen; im März 1940 zog als "Amtsgruppe" die Zentrale der 1938 gegründeten "Organisation Todt" (OT) mit ein. Also jene grün uniformierte Bautruppe für militärische Infrastruktur, deren 1944 über 1,3 Millionen Arbeiter entweder in Westeuropa als "freiwillige Hilfskräfte" rekrutiert oder sonstwo als "Halbjuden", Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, KZ-Insassen genötigt worden waren, sich "freiwillig" zur Vernichtung durch Arbeit zu melden.

Todt verpaßte übrigens die Fertigstellung seines Amtssitzes. Nach dem Absturz am 8. Februar 1942 nahe Hitlers "Wolfsschanze" beerbte ihn als Minister wie als Führer der "OT" Albert Speer. Der sich auf dessen Bauten beziehende heutige Sitz der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit, früher Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg, davor Landesarbeitsamt Berlin, ist laut Schäche "bis Kriegsende nicht mehr seiner eigentlichen Nutzung zugeführt worden".

Sondern erst danach. Insofern hat sich das Warten für den braunen Dreimeter-Vogel gelohnt, der da hoch über dem Portal über Ihre freie Entscheidung wacht.

3. Februar 2012 (Nr. 333)

Ja, tut man denn so was?!" Wortlos weicht das Gespenst einen Schritt zurück, während ich nach Luft ringe. Anscheinend überlegt es, ob man so etwas tut. Ich meine, einem fast unsichtbar in voller Absicht vor die Füße zu laufen, wenn man im Dämmerlicht einen verwilderten Kirchhof betritt. Unter kleinlautem Grummeln huscht das Gespenst davon, was weiß ich wohin. Wahrscheinlich ist es auch noch beleidigt, man kennt das ja von Schloß Canterville.

Derweil hebt sich hinter dem Eisengitter eine Grabplatte. Welcher Herr der Finsternis wird da jetzt wohl erscheinen? Niemand erscheint, nicht mal eine bleiche Hand. Lautlos kippt die Platte zurück. "Tanz der Vampire: heute Ruhetag", höhne ich halblaut und taste mich hin zu der engen Pforte. Plötzlich blendet mich ein Lichtstrahl, ein Hauch von Tüll streift meine Wange. "Sie schon wieder!" greife ich mir an die Brust. Wenn bloß der Schrittmacher nicht schlappmacht. Das Gespenst ist unbelehrbar. "Hihihi", freut es sich, und schwupp, weg ist es.

Etliche Särge, Spinnweben, abgehackte Glieder und Skelette weiter gerate ich in eine düstere Prozession; zu knöchellangen Pelerinen tragen die Herrschaften Kapuzen à la mode de Ku-Klux-Klan, allerdings in Schwarz. "Buh!" springe ich auf die lichtscheuen Gesellen zu. Keiner erschrickt, schade. Welch schaurig' Stilleben könnte das sein, gäbe nicht ein offenbar todgeweihter Lautsprecher sein Letztes: Schreie Gemarteter, Schmatz- und Grunzlaute, das feiste Lachen von Lustmördern, ängstliches Gemurmel, der Ruf eines Käuzchens. Doch anstatt mir mit kaltem Odem die Nackenhaare aufzurichten, rattert im viel zu breiten, viel zu übersichtlichen Gang ein Windgenerator, daß mir der Hut wegfliegt. So laut ist es hier, daß jede Illusion dessen zerstiebt, was einem hier zustoßen könnte. Außerdem wird das Grauen häppchenweise serviert. "Gruselkabinett? Ich soll mich wohl totlachen", drücke ich die Türklinke zum Treppenhaus, da langt aus einer Nische ein dürrer Arm. Stimmlos atmet mir das freche Gespenst ein "Jaaaaah" ins Ohr und entschwindet unter wildem Gelächter.

Daß man im Mittelalter Patienten an den Füßen aufhängte, um Leistenbrüche zu operieren, illustriert eine blutige Szene aus Pappmaché im Erdgeschoß, wo sich zwischen Staub und putzigen Ratten "spektakuläre Medizinszenen alter Zeiten" aneinanderreihen. Gleichfalls lebensgroß wird dort einem Mann der Unterschenkel abgesägt: ohne Narkose oder Desinfektion, versteht sich. Ein Stück weiter nimmt eine Sektion ihren Lauf Rembrandts Dr. Tulp für den Hausgebrauch sozusagen. Mein Favorit ist aber die Bluttransfusion. Zwar läßt das fehlerstrotzende Schild unerwähnt, wer wann die Blutgruppen entdeckte (es war Karl Landsteiner 1901), aber unterhaltsamer ist sicherlich, daß man einst glaubte, mit dem Blut gingen nebenbei Wesensmerkmale des Spenders auf den Empfänger über. Sogar tierisches Blut sei übertragen worden, etwa von Schafen, wird völlig ernst ergänzt.

Auch in der Abteilung Scheintod darf gelacht werden. Ein Sarg öffnet sich, und diesmal erhebt sich tatsächlich eine Leiche und wundert sich: "Hä, wo bin ich?" Wahrheitsgemäß antworte ich: "Bei Frau Friedland in der Berliner Gruselkabinett Entertainment GmbH, Schöneberger Straße 23a, Kreuzberg." Als hätte er ein Gespenst gesehen, sinkt der Pappkamerad zurück ins Kissen und läßt den Sargdeckel vor Schreck rasch wieder zufallen.

Die erwähnte Marlit Friedland mietete 1995 diesen 1944 in nur zehn Monaten für Reisende und Personal des Anhalter Bahnhofs erbauten Hochbunker vom Berliner Senat, der darin bis 1994 Teile der Senatsreserve, nun ja: bunkerte. Im Mai werden es 15 Jahre, seit sie hier ihr Traumgewerbe eröffnete, nachdem sie eine Million Euro in Sanierung und Einrichtung von dreien der fünf Geschosse investiert hatte.

Die Ausstellung zur Geschichte des Bunkers befinde sich im oberen von drei Kellern, weist mir ein junger Mann im Clownskostüm den weiteren Weg. Durchgefroren, wie ich inzwischen bin, graust mich die Vorstellung, bei minus zehn Grad Außentemperatur in ein naßkaltes Verlies hinabzusteigen. Das tue ich mir lieber ein andermal an und passiere den Kassenbereich, vor dem eine mechanische Figur mit Kopf in der Hand auf italienisch, deutsch und englisch den immer gleichen Satz scheppernd wiederholt: "Welcome to the Berlin creepy cabinet!" Die Schleuse ins Freie hängt voller Zeitungsartikel über Stars, die sich hier mal haben die Nerven kitzeln lassen durchweg Fachkräfte drittklassiger Vorabendserien und sonstige C-Promis. Angesichts solcher Besucher überkommt mich tiefes Mitleid mit Frau Friedlands Halbtags- und Vollzeitgespenstern. Kein Wunder, daß die nie lange durchhalten.