10. August 2018

Nach tagelang 35 und nachts noch über 20 Grad sind Freund Gerald und ich der Aufnahme fester Nahrung ziemlich abhold. Warme Mahlzeiten würden unsere verdunkelten Wohnungen nur zusätzlich aufheizen. Akuten Mangelerscheinungen beugen wir derzeit mit Radtouren vor, zu denen wir kurz vor Mitternacht aufbrechen.

"Wir müssen die Gäste bitten, sich um die Zeit etwas gedämpfter zu unterhalten", begrüßt uns am Sonnabend der kurzbehoste Wirt unterm Baldachin des "Mädchen ohne Abitur" in der Körtestraße. "Aber wir singen sehr schön!" So schlagfertig kenne ich Gerald gar nicht. "Ja, besonders Vicky Leandros und Nana Mouskouri", präzisiere ich. "Hören wir gerne, aber bitte drin." Wenn der Mann wüßte! "Wir können auch Gitte und Rex", verschärfe ich die Drohung, im Kopf schon den Text von "Gehen sie aus im Stadtpark, die Laternen", da ermahnt mich ein Tritt, das Ziel im Auge zu behalten. "Gut, erst mal zwei halbe Liter."

"Morgen ist der Tag des Herrn", dämpfe ich unser Gespräch. Gerald guckt, als hätte ich laut Gottesdienst gesagt. "Wir können nicht nur nachts Bier trinken und ansonsten faulenzen. Auch sollten wir mal wieder was essen." Begeistert wirkt er nicht. "Was hältst du von einem Kuchensonntag? Aufstehen, ins Café, kurze Trödelrunde, nächstes Café." Gerald liebt Torten und Flohmärkte. "Aber nicht ins Strauss oder Rubens!"

Immer muß er meine Pläne durchkreuzen. Café Strauss und Rubens Coffee Lounge wären zu Fuß erreichbar, der kleine Flohmarkt am Marheinekeplatz läge auf dem Weg vom einen zum anderen. Die schonende Minimalvariante für Hundstage.

Nach einem Kilometer Fußmarsch sind wir am Sonntagmittag die ersten Gäste in der Großbeerenstraße 28D. Fast acht Jahre gebe es jetzt die "Kuchenkultur", erzählt die junge Frau, die aus ihrer Kalorienwerkstatt kommend hinter den Tresen tritt. Das akkurate weiße Haarnetz sagt uns: Ware frisch, Hygiene stimmt. "Das gemütliche Kuchen-Café in Berlin-Kreuzberg" nennt der mit palästinensisch-syrisch-irakischem Hintergrund im Libanon geborene Bassel El Kadri seinen Familienbetrieb. In der Tat erinnert das Ambiente an eine Gute Stube. Mich erfreut, wie voll die Teller sind. "Wir schneiden bloß zwölf Stücken pro Torte, andere Cafés, die wir beliefern, 16 oder noch mehr. Die sind dann" sie hebt den Daumen "so schmal und kosten vier Euro!" Ihr Chef, ein gelernter Konditor, hat 29 Kreationen auf der Sommerkarte, darunter eine erdbeerverzierte weiße Torte. "Käse-Quark-Sahne", wie ich erfahre. "Sind die Kringel oben drauf Gouda oder Edamer?" Sie lacht herzlich. "Nein, nur weiße Schokolade."

Drei Euro kostet die Köstlichkeit, Geralds Ration Schoko-Pekannuß 30 Cent mehr. "Und da wolltest du ins Rubens", stichelt er, derweil wir an der Haltestelle gegenüber auf den 140er warten, "ich esse heute nichts mehr." Im "Rubens" am Mehringdamm waren wir Stammgäste, so lange man die Torte servierte, bevor der Kaffee kalt war, so lange unser Lieblingsgebäck eindeutig nach Schoko-Pekannuß schmeckte und mehr maß als ein Schokoriegel. Was blieb, war der Preis.

Unser Bus kurvt quer durch Kreuzberg und über die Spree nach Friedrichshain zum großen Flohmarkt am Ostbahnhof und um 16 Uhr zurück zur Großbeeren- Ecke Yorckstraße. "Du hast es mir versprochen!" insistiert Gerald, ich halte gegen: "Du wolltest heute nichts mehr essen!" Ungerührt rennt er über die Kreuzung geradewegs zu "Mr. Minsch". Das "Kuchenlabor", wie Andreas Minsch es bezeichnet, brummt - zumal am Sonntag. Mehrere Gesichter kennen wir vom Sehen, diese Konditorei besuchen eher Nachbarn, als daß Touristen sich hierher verirren. Man holt sich, was daheim die Kaffeetafel krönt: "Mr. Minsch bietet Ihnen täglich rund 20 verschiedene Tartes-, Kuchen- und Tortenklassiker." Das Personal ist flink und trotz der Hitze freundlich, und bei den Mengen, die über den Tresen gehen, verdirbt gewiß kein einziger Krümel. Man wähnt sich im Gaumenbordell. So aufreizend die Tiramisu-, so unanständig die Eierlikörtorte sein mag: Himbeersahne finde ich einfach unwiderstehlich. 28 Zentimeter im Durchmesser, acht in der Höhe und auch hier geht alles durch zwölf: verläßlich und professionell per Schablone und im Schnitt zu unter vier Euro.

"Und da wolltest du zu Strauss", stichelt Gerald zwischen zwei "Schoko-Schoko"-Bissen, "wo kein Stück wie das andere ist." Weil der Kuchen auch dort schmeckt. Allerdings gab's in dem 2013 vom Ehepaar Strauss in der Aufbahrungshalle des Friedrichwerderschen Kirchhofs eröffneten Café, bevor die Presse es dem Bionade-Milieu auslieferte, deutlich mehr fürs Geld. Als Olga Strauss beim Zahlen gelegentlich fragte, ob alles in Ordnung gewesen sei, gestand ich: "Ihre Stückchen waren schon größer." Ihr Lächeln entschwand. "Nein." Wir grinsten, und mit den Worten "Ich hätte auch die Preise erhöhen können" entschwand, grußlos, sie selbst.

27. Juli 2018

Ihre Suche im Verbund erzielte keinen Treffer", hatte der Rechner der Landesbibliothek dreist behauptet. "Bitte verändern Sie Ihre Suchanfrage." Die Eingabe "Julius Wissinger" auf "Wissinger" zu kürzen hätte schon genügt, um "Frühlicht in Beton" von Christoph Fischer und Volker Welter zu finden, Untertitel: "Das Erbbegräbnis Wissinger Max Taut in Stahnsdorf". In dem dann ganz altmodisch im Regal der Friedrich-von-Raumer-Bibliothek erstöberten Treffer "B 223 Früh" resümieren der Westberliner Architekt und sein Student die 1987 durch sie organisierte Sanierung des von den Wissingers aufgegebenen Kleinods. Max Tauts wegen hatten Kreuzbergs Superintendent Gustav Roth via Konsistorium die offiziellen Kontakte in die DDR geknüpft und das Kirchliche Verwaltungsamt Kreuzberg Spenden gesammelt.

Der intensiven Spurensuche Volker Welters, 30 Jahre später Professor für Architekturgeschichte an der Universität Santa Barbara, verdankt die Nachwelt indessen andernfalls verlorengegangene Daten zur Familie Wissinger. Und sei es nur ihre Herkunft aus Spremberg in Sachsen oder die Gründe für den Bau des Lagerhauses Süd-Ost, des einst größten Saat- und Getreidespeichers in Europa, sowie den Umzug der Firma nach Kreuzberg. Der seit 1886 genutzte Speicher in der Neuen Königsstraße nahe dem Alexanderplatz ließ demnach kein weiteres Wachstum zu, wohingegen in der Pfuelstraße 5-8 auf fünf Etagen 15000 Tonnen Saatgut und im Keller 16000 Fässer Platz fanden. Die zur Jahrhundertwende 50000 Geschäftsverbindungen und den Jahresumschlag von 40000 Doppelzentnern Saatgut sieht Welter auch darin begründet, daß man als einer der ersten Händler dessen Qualität garantierte.

Was die Marktführerschaft auch garantierte, war ein verfeinerter Lebensstil, und aus beidem speiste sich das den Kaufleuten zugeschriebene Mäzenatentum.

"Von Paul Wissinger sen. ist als erstem Mitglied der Familie ein generelles Interesse an Kunst bekannt. Er hatte eine Lehre als Tuchhändler absolviert und u. a. in Paris als Einkäufer gearbeitet, bevor er in die eigene Firma eintrat. Dort oblagen ihm die Kontakte und Geschäftsverbindungen zum Ausland", so Welter. "Wahrscheinlich förderte dieser kosmopolitische Lebenswandel sein Kunstinteresse nachhaltig." Das auf die Kinder abfärbte. Buchstäblich auf den Sohn Paul. Geboren 1891, zog er als Maler nach München. Im Weltkrieg verwundet, starb er 1918. "Seine Schwester Anna Heine, geb. Wissinger, erwarb auf dem Münchner Waldfriedhof eine Grabstelle und ließ von dem Bildhauer Hugo Lederer (1871-1940) das Grabmal errichten." Unter dem lebensgroßen Jüngling fanden auch 1919 Paul Wissinger sen. sowie 1967 dessen Tochter und Alleinerbin Anna Heine ihre letzte Ruhe.

"In den dreißiger Jahren sind nur noch vereinzelt Landhäuser errichtet worden. Das bedeutendste unter ihnen ist das 1936 gebaute Haus für Anna Heine in der Sauerbruchstraße 15-17", wußte nicht Welter zu berichten, sondern Jörg Limberg im Beitrag "Die Villen- und Landhauskolonie Neubabelsberg", geschrieben für Heft 1/1993 der Brandenburgischen Denkmalpflege. Heines Auftragnehmer war der 1943 in die Türkei emigrierte Architekt Paul Bonatz gewesen. "Das eingeschossige und traufständige Haus mit dem für Bonatz typischen einbündigen Grundriß steht an der Nordseite eines etwa 4.000-qm-Grundstücks" bis heute.

Ebenfalls erhalten blieb die letzte väterliche Adresse, wie die davor eine in Kreuzberg. Seit 1908 war Paul Wissinger sen. in der Köpenicker Straße 143 zu Hause gewesen, bevor er 1916 in die Skalitzer Straße 49-50 zog, das repräsentative frühere Direktorenwohnhaus der Berlin-Görlitzer Eisenbahn. "Seine heutige Gestalt", erklärt die Berliner Denkmalsliste, "geht auf das Jahr 1897 zurück."

Den Ruf der Familie als Kunstförderer weit mehr prägten aber Hermann Otto Julius und Amalie Wissingers Sohn und Schwiegertochter. Julius Gustav Adolf (1884-1967) und Helene Wissinger, geb. Schupp (1892-1976) waren mehr als die Auftraggeber für Tauts Stahnsdorfer Erbbegräbnis. Helenes Bruder, der Architekt Fritz Schupp, und sein Kollege Martin Kremmer setzten 1922 eine Villa auf ihr Grundstück in Berlin-Karolinenhof, wo die Eheleute mit Unterbrechungen bis 1950 lebten. Maler, Bildhauer, Literaten fanden dort materielle Hilfe und zeitweise ein freies Refugium. Einigen bezahlte das Paar Auslandsaufenthalte und kaufte ihnen Werke ab bis sich der Kreis nach 1933 auflöste: Viele der Künstler flohen ins Exil, der Bildhauer Otto Freundlich wurde in Majdanek ermordet.

Zuletzt erregten der Jurist und die Lehrerin am 5. Oktober 1956 öffentliches Aufsehen, als sie vom Privatanschluß ihrer Wohnung Carmerstraße 2 aus mit der "Lebensmüdenberatung" begannen, der ersten in Deutschland. Das Dankkonzert für die Unterstützer dessen, was heute die Evangelische Telefonseelsorge ist, findet seit 23 Jahren in Kreuzberg statt, in der Kirche zum Heiligen Kreuz.

13. Juli 2018

Genau besehen ist die Angelegenheit, wiewohl journalistisch eher unbefriedigend, in sich stimmig. Wie der bildende Künstler hinter sein Werk, so tritt, hehre Ideale unterstellt, der Mäzen hinter diesen zurück. Desgleichen in der angewandten, hier der Baukunst: Adressat zeitgenössischer Kritik, aber auch des Nachruhms, ist der Architekt, nicht der Bauherr.

Darum urteilt im vorliegenden Falle die Landesdenkmalliste: "Mit seinen weitgespannten Fassadenabwicklungen dominiert das Lagerhaus Süd-Ost in der Pfuelstraße 5 nicht nur das Straßenbild der Pfuelstraße, sondern auch die westliche Spreeuferkante zwischen Oberbaum- und Schillingbrücke. Das weitläufige, um drei Höfe gebaute Lagerhaus entstand 1905-07 nach Plänen des Baumeisters Kurt Berndt", der etliche Zeichen klassischer Moderne in Kreuzberg setzte. Wem zum Auftraggeber die Angabe zu spärlich ist, der einst unter "Cöpenickerstrasse 6a u. 7" verortete Komplex sei "für die Samenhandlung Julius & Paul Wissinger errichtet" worden, den werden leider die einschlägigen biographischen Lexika mit präziser Unkenntnis schon des Namens überraschen - und alle Wege nach Stahnsdorf führen.

"Herzlich willkommen auf dem Südwestkirchhof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz" heißt ein Faltblatt die Besucher "der Grabstätten berühmter Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft". Doch wo es sonst den teuren Toten Beruf, Verdienste, Ereignisse zuordnet, handelt es die Persönlichkeit Nr. 31 knapp als "Kaufmann" ab. "Wissinger, Julius, 9. 7. 1848 7. 4. 1920" hat auch hier bloß noch als Bedeutungsträger Bedeutung: für ein "bedeutendes expressionistisches Grabmal von Max Taut". Er konnte das 1923 vollendete, auf sieben Gräber angelegte und heftig umstrittene Erbbegräbnis nicht mal selbst in Auftrag geben.

Wer waren jene Kaufleute, deren Name allenfalls mit "Kunstmäzene" kombiniert wird? Traueranzeigen verweisen auf zwei Brüder als Firmeninhaber eben Hermann Otto Julius Wissinger und Paul Wissinger (1851-1919) sowie darauf, daß der Ältere und seine 1942 neben ihm beigesetzte Gattin Amalie, geb. Schunack, drei Kinder hatten: Julius jun., Walther und Alfred. Letzterer wurde 1940 in Stahnsdorf beerdigt. Am selben Tag wie "nach kurzem Krankenlager an den Folgen einer Grippe" sein vermutlicher Großvater Julius Wissinger starb ein Säugling namens Ingrid; so wurde dies auch des Mädchens letzte Ruhestätte.

Der ein Jahr vor dem älteren Bruder am 5. April "durch einen sanften Tod in die Ewigkeit abberufene" Paul Wissinger hatte zwei Kinder: Paul jun. sowie Anna, die seine Todesanzeige formulierte. Eine Ehefrau wird darin nicht erwähnt.

Nachrufe liefern oft reichlich Stoff, indes: Zu Ehren der alten Wissingers fand sich keiner. Als wäre etwa Paul Wissinger sen. nicht sehr wohl als, wie man heute sagen würde, Lobbyist in Erscheinung getreten. 1878, im Jahr nach Etablierung der Firma in der Landsberger Straße 46/47 im Friedrichshain, wurde er Mitglied der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft. Und als am 19. Dezember 1895 ein geplantes "Gesetz zur Regelung des Verkehrs mit Handelsdünger, Kraftfuttermitteln und Saatgut" seine Branche mit Kennzeichnungs-, Gesundheits-, Umwelt- und Tierschutzpflichten bedrohte und am 28. Dezember die Samen- und Futtermittelhändler Berlins darüber berieten, war es der "Vortrag des Herrn P. Wissinger, worin näher ausgeführt und begründet wurde, daß dieser Gesetzentwurf (…) den Handel in den davon betroffenen Artikeln geradezu unmöglich machen würde". Also, berichtete die bei der Verlagshandlung Paul Parey in der Kreuzberger Hedemannstraße 10 verlegte Gartenflora, beschloß man, einen Verein der Berliner Samenhändler zu gründen und beauftragte "die Herren Wissinger, Fiegel, Metz und Werner mit den vorbereitenden Schritten für einen Zusammenschluß sämtlicher, zu dem gleichen Zwecke schon bestehenden und sich noch bildenden Vereine Deutschlands". Der erwähnte Herr Metz führte die aufs Jahr 1854 zurückgehende Sämerei A. Metz & Co.

Das Ableben der Urväter des Saatgutimperiums zeigten Julius Wissingers Söhne bereits als gemeinsame Inhaber der Firmen "A. & W. Wissinger" und "A. Metz & Co. Nachfolger" an. Vater und Onkel waren ihre Teilhaber gewesen; der frühere Rivale gehörte ihnen seit 1915.

Daß zu Wissingers, einschließlich ihres Mäzenatentums, am Ende dieser Notiz unerwartet doch noch vieles mitzuteilen bleibt, ist nicht zuletzt einem späten Zufallsfund ausgerechnet in der kleinen Friedrich-von-Raumer-Bibliothek geschuldet. Ihr Domizil ist eine 1955 erbaute, frisch sanierte Wohnanlage an der Kreuzberger Dudenstraße. Architekt war: Max Taut.